Zerstörung

Zwischen Sehnsucht und Hoffnung

Jürgen Ferrary
16. Mai 2026

Du und ich – wir sind gewollt. Auserwählt. Adoptiert. Kinder Gottes. Wir müssen uns unsere Zugehörigkeit nicht erst verdienen. Durch Jesus sind wir Erben geworden, Teil seiner Familie, berufen und ausgerüstet. Und trotzdem fühlt sich das Leben oft ganz anders an, als wir es uns als Christen vorgestellt haben.

Ja, Jesus hat am Kreuz den entscheidenden Sieg errungen. Dieser Sieg steht fest und kann nicht rückgängig gemacht werden. Aber was ist mit den Tagen, an denen wir keine Durchbrüche erleben? Wenn wir beten und trotzdem das Gefühl haben, dass Gott schweigt? Was ist, wenn christliche Ehen zerbrechen, Krankheiten bleiben oder unsere Kinder Wege einschlagen, die uns innerlich das Herz brechen?

Was ist, wenn wir Nachteile erleben, weil wir ehrlich bleiben wollen? Wenn wir nicht betrügen, nicht lügen, nicht mitmachen – und genau dafür belächelt oder bestraft werden?

Paulus verschweigt diese Spannung nicht. Er schreibt: „Die ganze Schöpfung seufzt und stöhnt bis heute wie eine Frau in Geburtswehen“ (Römer 8,22).

Das finde ich bemerkenswert. Paulus predigte Hoffnung, Heilung und Sieg – und gleichzeitig wurde er geschlagen, verfolgt, eingesperrt und gesteinigt. Er wusste: Der Sieg Jesu ist real. Aber er wusste auch: Wir leben noch mitten in einer unerlösten Welt.

Die Schöpfung stöhnt. Aber sie zerbricht nicht daran. Sie gibt nicht auf.

Ich habe einmal den Satz gehört: „Schönheit und Zerbrochenheit sind miteinander verflochten; Geburt und Verfall teilen sich denselben Boden.“ Das stimmt. Wir erleben Gottes Nähe und gleichzeitig Schmerz. Wir sehen Wunder – und stehen trotzdem vor offenen Fragen. Wir erleben Durchbrüche – und geraten später wieder in Wüstenzeiten.

Selbst in uns sehen wir diese Spannung. Die Macht der Sünde ist gebrochen, und trotzdem kämpfen wir noch. Wir wollen Jesus ähnlicher werden und merken gleichzeitig, wie unvollkommen wir noch sind. Auch deshalb seufzen wir manchmal innerlich.

Nicht, weil wir Gottes Verheißungen nicht glauben. Sondern weil wir bereits etwas von seiner Gegenwart geschmeckt haben und spüren, dass da noch mehr kommen muss. Mehr Heilung. Mehr Frieden. Mehr Wiederherstellung.

Du merkst das vielleicht in Momenten, die dich eigentlich erfüllen sollten, es aber nicht tun. In Erfolgen, die schneller verblassen als gedacht. In Gebeten, die sich anfühlen, als würden sie im Nebel verschwinden. Oder in diesem seltsamen Heimweh mitten im Alltag, das sich kaum erklären lässt.

Paulus sagt: Genau das gehört dazu. Wir leben zwischen Verheißung und Vollendung. Zwischen Kreuz und Ewigkeit. Zwischen „schon gerettet“ und „noch nicht angekommen“.

Und diese Spannung bedeutet nicht, dass du im Glauben versagt hast. Sie bedeutet auch nicht, dass Gott dich vergessen hat. Im Gegenteil: Sehnsucht ist oft ein Zeichen dafür, dass dein Herz auf etwas vorbereitet wird, das größer ist als diese Welt.

Wäre die Auferstehung nicht real, würden wir uns vermutlich viel leichter mit allem abfinden. Aber tief in uns wissen wir: Das hier ist noch nicht alles. Deshalb leben wir weiter. Hoffend. Wartend. Vertrauend. Als Kinder Gottes, die unterwegs sind nach Hause.

Herausforderung für heute: Wo spürst du gerade die Spannung zwischen Gottes Verheißungen und deiner Realität? Sprich heute ehrlich mit Gott darüber. Und lies bewusst 2. Korinther 5,1–5. Vielleicht merkst du dabei neu: Deine Sehnsucht ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Hinweis darauf, dass Gott noch nicht fertig ist.

Sei gesegnet!

„Die Hoffnung ist der Regenbogen über dem herabstürzenden Bach des Lebens.“ – Friedrich Nietzsche

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